1050 Jahre Heppendorf
Um die ersten Ortsnennungen ranken sich gerne Geschichten, die sich mit der Zeit verselbstständigen. Oft werden die ersten Urkunden gezeigt. Auch Heppendorf hat eine solche Überlieferung: Im Jahr 2026 soll der Ort stolze 1050 Jahre alt werden, gerechnet von einer Ersterwähnung im Jahr 976.
Klingt beeindruckend, oder? Eine erste Urkunde können wir allerdings nicht vorweisen.
Doch sobald man genauer hinschaut, wird die Sache spannender. Die berühmte Urkunde von 976, auf die sich alles stützt, ist nicht mehr erhalten. Was wir heute kennen, sind spätere Abschriften, deren Genauigkeit man nicht blind vertrauen sollte. Die erste Nennung Heppendorfs ist also keineswegs so klar, wie es die runde Jubiläumszahl vermuten lässt.
Zeit also, die Taschenlampe der Geschichtsforschung einzuschalten und ein wenig Licht in dieses historische Halbdunkel zu werfen.
Die Geschichte beginnt nicht in Heppendorf selbst, sondern im Herzen Kölns, wo heute der Dom steht. Dort residierte im frühen Mittelalter das Stift St.Peter.
König Ludwig – vermutlich Ludwig der Deutsche (~ 806-876) - übertrug dem Stift große Ländereien. Land bedeutete im Mittelalter weit mehr als nur Ackerboden. Es umfasste Wälder voller Wild, Fischgründe, Straßenhoheit, Gerichtsrechte und vor allem: Einnahmen. Aus diesen Rechten flossen Pachten, Abgaben und Nutzungsgebühren. Für ein Stift waren diese Einnahmen überlebenswichtig, denn sie sicherten seine Macht und seinen Einfluss.
Als Kaiser Otto I. in Aachen Hof hielt, reisten Vertreter des Stifts St. Peter an. Sie wollten Sicherheit wegen der Schenkung von König Ludwig. Eine Bestätigung. Ein neues Siegel unter alten Rechten. Solche Bestätigungen waren üblich – und klug. So wurden Besitzansprüche erneuert, insbesondere dann, wenn die ursprüngliche Urkunde nicht mehr greifbar war.
Am 25. Juli 973 stellte Otto die lang ersehnte Urkunde aus. Doch er tat mehr, als nur zu bestätigen: Er erweiterte die Rechte des Stifts, um den amtierenden Erzbischof Gero, und machte sie zu unumstößlichem Besitz der Kölner Kirche. Zu den bestätigten Gebieten gehörte auch der Erftraum, jenes fruchtbare Land zwischen Erft und Rhein, in dem sich auch Heppendorf befindet.
In Heppendorf gab es verschiedene Bauernhöfe sowie einen Hof mit Kapelle, der der Kölner Kirche gehörte. Bischof Gero unterstützte das Stift St. Gereon in Köln. Er schenkte ihm den Fronhof mit den dazugehörigen Ländereien samt Kapelle und berechtigte es zu einem eigenen Hofgericht mit eigenem Vogt.
Denn Kirchen durften nicht kämpfen. Sie brauchten weltliche Beschützer, sogenannte Vögte, meist Adlige, die für ihre Dienste entlohnt wurden. Das führte oft zu Konflikten. Mit einem eigenen Hofgericht konnte St. Gereon solchen Streitigkeiten aus dem Weg gehen.
Diese Schenkung ist die erste schriftliche Nennung Heppendorfs.
Doch das Original? Verschollen.
Nur Abschriften haben überlebt. Und weil Gero nur zwischen 969 und 976 Schenkungen tätigen konnte, datiert man die Urkunde auf 976 – sein letztes Amtsjahr. Ob sie früher entstand, bleibt ein ungelöstes Rätsel.
Gero konnte Heppendorf zu diesem Zeitpunkt verschenken, weil er den Ort offenbar selbst aus früheren Schenkungen erhalten hatte und somit verfügungsberechtigt war. Zugleich setzt die Übertragung voraus, dass Heppendorf als Siedlung oder Besitzkomplex bereits bestanden haben muss
Dann wird es still um Heppendorf. Erst 1109 taucht der Ort wieder auf – diesmal auf einer Generalsynode.
Ein Propst namens Wezelin, vermutlich von St. Severin, hatte für das Seelenheil seines Vorgängers und für sein eigenes mehrere Stiftungen gemacht. Darunter:
- 6 Solidi und 10 Denare zu Heppendorp.
Unter den Unterzeichnern: Herimannus, Propst von St. Gereon. Offenbar hatte auch St. Severin früh Besitz in Heppendorf – ein Hinweis darauf, wie begehrt diese Region war. Zugleich bestätigt diese Urkunde die zweite gesicherte Nennung Heppendorfs und damit die fortbestehende Existenz des Ortes im frühen 12. Jahrhundert.
St. Gereon führte ein Memorienbuch. Dieses diente sozusagen als Notizbuch, in dem vermerkt wurde, an welchen Tagen für die Verstorbenen gebetet oder eine Messe gehalten werden musste. Schließlich haben die Stifter dafür gespendet. Ein solches Memorienbuch wird über Jahre hinweg geführt. Das älteste Buch von St. Gereon, das sich im Kölner Stadtarchiv befindet, stammt aus dem 12. Jahrhundert. Es wurde beim Einsturz des Archivs beschädigt, aber nicht zerstört. Es wartet auf Restaurierung – und birgt Schätze. Einer davon: Ein Eintrag für Erzbischof Gero.
Die rote Datumszeile lautet „un kt ivt“ – wahrscheinlich „undecimo kalendas iulii“, der 11. Juli. Gero starb am 28. Juni 976. Vielleicht war dies sein Beerdigungstag, an dem seiner im Stift liturgisch gedacht wurde.
Der Text nennt ihn als Erzbischof und verbindet ihn ausdrücklich mit Heppendorf. Ein stiller, aber deutlicher Hinweis auf die Bedeutung des Ortes für Gero und sein Wirken. Der verkürzte Text lautet etwa „Abt Gero Erzbischof und mit dem Segen des Herren (oder Segen des Ortes) über Heppendorf“
Damit tritt eine weitere, unabhängige Quelle hinzu, die Gero mit Heppendorf verknüpft – und zugleich bestätigt sie das Minimaldatum von 976 für die Existenz des Ortes.
Dank der Fotos, die Tanja Kaiser vom Historischen Archiv mit Rheinischem Bildarchiv Köln zur Verfügung gestellt hat, wissen wir heute, dass Gero nicht der Einzige war, der mit Heppendorf in Verbindung stand. Die hier gezeigten Dokumente sind wahrscheinlich erstmals öffentlich präsentiert.
Im Memorienbuch finden sich drei weitere Einträge von Personen, die ebenfalls mit Heppendorf verbunden waren: Hugo, Gilsa und Wilhelmus.
Alle drei hatten Stiftungen zugunsten von Heppendorf gemacht. Alle wurden mit Messen bedacht. Über alle drei schweigt die Geschichte sonst vollständig, wir wissen nicht, wer sie waren und wann die Schenkungen vorgenommen wurden.
Heppendorf war schon lange ein gewachsener Ort, bevor ein Schreiber seinen Namen erstmals in Tinte fasste. Mindestens 1050 Jahre darf man diesem Dorf heute zuschreiben. Heppendorf ist älter, als jede Urkunde es direkt verrät. Die Geschichte beginnt nicht mit einer Urkunde, sondern mit Menschen, die hier lebten, arbeiteten, beteten, stifteten und Spuren hinterließen, die wir nur noch in Fragmenten erkennen. Sie existieren vorher – als Siedlungen, als Höfe, als Namen im mündlichen Raum.
Literatur
Rheinisches Urkundenbuch, Ältere Urkunden bis 1100 (Vol. 1-2) Wisplinghoff, Erich [Bearb.]. - Bonn; Düsseldorf (1972 - 1994), in Reihe: Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde / 57, Teilband 2: Rheinisches Urkundenbuch, Ältere Urkunden bis 1100. Tl. 2: Elten-Köln, Wisplinghoff, Erich [Bearb.]. - Düsseldorf (1994)2026 Heinz-Toni Dolfen